Peer Review im Wissenschaftsverlag

PeerREviewEin wesentlicher Bestandteil Wissenschaftlicher Arbeit steht im Zusammenhang mit Texten. Im Wesentlichen gibt es drei Arten der Auseinandersetzung. Zum einen rezipieren Wissenschaftler Fachtexte zu ihrem Forschungsgebiet, zum anderen verfassen sie Texte, die ihre Forschungsleistung dokumentieren. Die dritte Form der Auseinandersetzung ist die Begutachtung von Fachtexten im Rahmen von Peer-Review-Prozessen. Hierum geht es in diesem Beitrag.

Was ist Peer Review?

Peer Review bezeichnet den Vorgang der Begutachtung wissenschaftlicher Beiträge durch kompetente Kollegen desselben oder eines verwandten Fachgebiets, unabhängig davon, ob dies auftragsgebunden auf Initiative der Fachredaktion oder des Herausgebers einer wissenschaftlichen Zeitschrift, beziehungsweise eines Journals, oder im Rahmen der Open-Access-Bewegung geschieht. Ziel dieses Prozesses ist die Qualitätssicherung wissenschaftlicher Publikationen. Das Peer-Review-Verfahren ist ein wissenschaftlicher Standard und wird von den meisten Wissenschaftsverlagen angewandt.

Obwohl die Qualitätssicherung durch Peers auf den ersten Blick naheliegend und notwendig erscheint, ist der Prozess nicht unumstritten. Kontrovers diskutiert wird zum einen das Modell an sich und zum anderen die Art und Weise der Umsetzung, vor allem im Hinblick auf die Notwendigkeit der Anonymisierung von Autor und Gutachter.

Vorteile von Peer Review

Die Vorteile des Peer Review – vor allem für Verlage – liegen auf der Hand und sind der Grund dafür, dass sich das Modell als wissenschaftlicher Standard durchgesetzt hat. Durch die Sicherung und „Zertifizierung“ der Qualität steigt die Glaubwürdigkeit und damit auch die Reputation der jeweiligen Fachzeitschrift und der darin publizierenden Autoren. Hierdurch kann der Impact-Faktor der Zeitschrift erhöht werden, zumal ein Peer-Review-Verfahren Voraussetzung für die Aufnahme in die meisten Zitationsdatenbanken, wie zum Beispiel den Social Science Citation Index, ist. Durch fruchtbare Diskurse während des oder im Anschluss an den Begutachtungsprozess profitiert zudem auch die wissenschaftliche Disziplin selbst. Weiterhin ist zu erwähnen, dass durch Redaktionssysteme wie z.B. den Editorial Manager, eine Professionalisierung stattgefunden hat, die die Abwicklung und Organisation des Peer-Review-Prozesses vereinfacht und im Hinblick auf die Kosten effizienter gestaltet hat.

Wo aber liegen die problematischen Aspekte, auf die sich Kritiker des Modells berufen?

Auf Verlagsseite sind als pragmatischster Punkt, die Kosten zu erwähnen. Trotz der Effizienzsteigerung durch die oben angesprochenen Redaktionssysteme werden im Rahmen des Peer Review viele, bei einigen Zeitschriften sogar die meisten Artikel abgelehnt. Dennoch fallen für diese Gutachten Kosten durch den Koordinationsaufwand und die Arbeitszeit an, da diese organisatorische Funktion meist von einer Fachredaktion oder dem Herausgeber ausgeführt wird. Auch die Redaktionssysteme selbst sind teuer und wartungsintensiv, da sie regelmäßig an internationale Branchenstandards angepasst werden müssen. Zudem besteht im Verlag wie auch in externen Fachredaktionen die Sorge, dass Peer-Review-Prozesse das Self-Archiving befördern. Hierbei nutzt der Autor zunächst die Leistung des Peer Review, macht den Artikel im Anschluss jedoch selbständig der Öffentlichkeit zugänglich und umgeht so den Verlag. Dabei geht allerdings auch das „Qualitätssiegel“ durch die Aufnahme in ein Journal verloren sowie weitere Verlagsleistungen wie etwa das Marketing, der Bibliotheksvertrieb und die Verlinkung von Textnachweisen verloren.

Aus wissenschaftlicher Perspektive wird dem Peer Review bisweilen vorgeworfen, unorthodoxe Ansätze zu unterdrücken und die Gesamtheit der wissenschaftlichen Beiträge so zu normen und zu „glätten“. Gerade bei jungen, aufstrebenden Wissenschaftlern gibt es Bedenken, ob ihre Artikel und Ideen objektiv begutachtet oder stattdessen von etablierten Kollegen unterdrückt werden. Im Zusammenhang damit steht auch die Problematik, überhaupt geeignete Gutachter, die objektiv, unvoreingenommen und „auf Augenhöhe“ sind, zu finden. Ein weiterer Kritikpunkt ist der Zeitverlust durch die Langwierigkeit des Verfahrens, vor allem in den naturwissenschaftlichen Disziplinen, wo Beiträge durch die geringe Halbwertszeit des Wissens schnell an Aktualität und Bedeutung verlieren.

Formen des Peer-Review

Wie bereits erwähnt, gibt es im Bezug auf den Grad der Anonymisierung der Teilnehmer im Peer-Review-Prozess Unterschiede. Während beim Double-blind-Review sowohl Autor als auch Gutachter anonym bleiben, gibt es auch Beispiel für offene Modelle, in denen alle am Verfahren beteiligten Akteure einander bekannt sind und ein Austausch in beide Richtungen, also auch vom Autor zurück an die Peers, stattfindet.

Befürworter der Double-blind-Methode argumentieren, dass der Gutachter durch die vollständige Anonymisierung keine Nachteile befürchten muss, wenn er einen anerkannten und etablierten Wissenschaftler kritisiert. Auch Sympathiegutachten werden auf diese Weise verhindert. Kritiker des Verfahrens bemängeln hingegen, dass der Gutachter, gerade weil sein Name nicht mit dem Artikel in Verbindung gebracht wird, seinerseits keinerlei Kontrolle unterworfen ist. Willkürliche, subjektive oder unsorgfältige Gutachten können die Folge sein. In der Praxis stößt man zudem auf die Problematik, dass der Autor trotz Anonymisierung oft erraten werden kann, zumal in sehr spezialisierten Forschungsgebieten mit wenigen Akteuren. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Tatsache, dass bei gelungener Anonymisierung kein echter Diskurs entstehen kann. Unter diesem Aspekt ist das Open-Peer-Review-Verfahren aufgrund des Austauschs in alle Richtungen vorteilhaft.

Gegner des nicht anonymisierten Peer-Review-Prozesses, und des Peer Review im Allgemeinen, legen ihren Argumenten häufig die Annahme einer gelebten Rivalität unter den Wissenschaftlern bis hin zum offenen Opportunismus zugrunde – eine Sichtweise, die als Außenstehender nur schwer einzusehen ist, da man im Wissenschaftsbetrieb unter Kollegen aufgrund von gemeinschaftlichen Zielen und Synergieeffekten eher ausgeprägte Teamarbeit, Unterstützung füreinander und gegenseitige Inspiration erwarten würde. So betrachtet spricht nur wenig gegen das Modell des Open Peer Review, welches beispielsweise in der Open-Access-Bewegung auch tatsächlich praktiziert wird und aus meiner Sicht dem institutionellen wie auch dem gesellschaftlichen Zweck von Wissenschaftspublikationen besser gerecht wird. Grundsätzlich halte ich es aber für richtig, an dem Modell des Peer Review festzuhalten, um das auf objektiv geprüfter Qualität basierende Reputationssystem im Bereich des wissenschaftlichen Publizieren zu erhalten. Dabei jedoch auf Anonymisierung zu verzichten, heißt, den Vorgang des Peer Review transparenter und damit demokratischer zu gestalten.

Autor

Kai Wieland (*1989) absolvierte nach dem Abitur eine Ausbildung zum Medienkaufmann Digital/Print. Derzeit studiert er Buchwissenschaft an der LMU in München. Während des Studiums war er als studentische Aushilfe in verschiedenen Unternehmen der Buchbranche tätig (Bruckmann, C.H. Beck, Buchhandlung Lehmkuhl). Kontakt: k.wieland@campus.lmu.de

Dieser Beitrag entstand im SS 2015 im Rahmen des Blogseminars “Spezialbuchmärkte: Der Wissenschaftsverlag” am Institut für Buchwissenschaften der LMU München unter Leitung von Christiane Engel-Haas.

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