Open Peer Review – ein Erfahrungsbericht

historyblogvon Dr. Julia Schreiner

Lausanne im November 2011: Auf dem That Camp diskutieren WissenschaftlerInnen, BibliothekarInnen und Verlagsleute über die digitale Zukunft des Publizierens:

  • Welche Chancen eröffnet die Digitalisierung?
  • Wie ist der status quo wissenschaftlichen Publizierens?

Immer wieder kommt die Diskussion auf die Abgeschlossenheit der Review Systeme – eine Abgeschlossenheit, die eine Spielart der Hermetik von hierarchischen Organisationen und mehr oder weniger transparenten Codes des Wissenschaftsbetriebs zu sein scheinen. Besonders in den Blick gerät das System des sogenannten Peer Review. Im nicht öffentlichen Begutachtungsverfahren entscheiden die „Peers“ (also arrivierte WissenschaftlerInnen) über die Qualität von (vor allem) Zeitschriftenbeiträgen und damit über die Aufnahme der Aufsätze in die einschlägigen Journals.

Dieses Verfahren hat unzweifelhaft seine Vorzüge (Qualitätssicherung durch Expertentum; die Möglichkeit Beiträge je nach Ranking des Journals zu werten etc.). Wir diskutieren  in Lausanne aber vor allem neue Möglichkeiten, die sich im Digitalen bieten. Wie wäre es wenn die Bewertungen von Beiträgen öffentlich (= online) und transparent (= mit Klarnamen) gemacht würden? Wenn das Peer Review also zum Open Peer Review (OPR) würde?

Am Abend diskutieren Peter Haber[1], Eva Pfanzelter und ich weiter. Wir wollen ein solches Open Peer Review Projekt starten. In Kooperation von hist.net | Plattform für Digitale Geschichtswissenschaft, dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck und dem Oldenbourg Verlag München wird „historyblogosphere“ ins Leben gerufen. Ein Buch- und Schreibprojekt zum Thema „Bloggen in den Geschichtswissenschaften“.

Zum Historikertag in Mainz Im Oktober 2012 gehen wir online: 18 AutorInnen stellen sich der Debatte im Netz. Das von uns gewählte WordPress Tool ermöglicht es, die Beiträge absatzweise zu kommentieren. Eine Möglichkeit, die dankbar aufgegriffen wird (siehe Kommentare zu: http://historyblogosphere.oldenbourg-verlag.de/open-peer-review/projekt/). Innerhalb von zwei Monaten schreiben 24 Reviewer (darunter die HerausgeberInnen und ich als Verlagslektorin) über 450 Kommentaren. Unsere einzige Bedingung, um für die Kommentierung zugelassen zu werden, ist die Registrierung mit Klarnamen.

Nach Abschluss des Open Peer Review sind die AutorInnen aufgerufen, ihre Beiträge entlang der Kommentare zu überarbeiten. Diese Überarbeitung ist Bedingung für die Aufnahme ins Buch, das schließlich im September 2013 hybrid, d.h. als Open Access-Publikation und gedruckt erscheint.

OpenPeerReview „Historyblogosphere“ hat eine breite Diskussion im Feld der Digital Humanities ausgelöst und wurde auf Blogs und Tweets immer weiter kommuniziert. Die „Visibility“, eine Währung, die derzeit sehr hoch im Kurs ist, war also sehr gut. Natürlich brachte das Thema des Projekts – die Blogosphere – es mit sich, dass für viele eine Beteiligung via Kommentare eher niederschwellig war. Etliche WissenschaftlerInnen waren bereits im Web 2.0 angekommen.

Umso spannender war es zu testen, wie fachhistorische Themen in diesem Review Verfahren aufgenommen würden. Bei „Arbeit im Nationalsozialismus“  lag die Zahl der registrierten NutzerInnen mit knapp 100 nahezu ebenso hoch wie bei „historyblogosphere“. Die Hürde, die eingereichten Beiträge öffentlich zu kommentieren, war jedoch weit höher. Die wissenschaftlichen KollegInnen zogen die Diskussion im geschützten Raum vielfach vor. Hier funktionierte das OPR also eher als eine Art Pre-Publishing. Wichtige Anregungen zu ihren Texten haben die AutorInnen auf diese Weise ebenfalls erhalten – nur sind die Kommentare häufig nicht öffentlich.

Ich bin gespannt, wie sich OPR weiter entwickelt. Gerade auch für Themen der Public History, der Sozial- oder Politikwissenschaften ließen sich konstruktive Diskussionen erwarten.

Weiterführende Links

Das Pilotprojekt aus den USA: Writing History in the Digital Age
Ein weiteres Open Peer Review Projekt: http://geschichte-lernen-digital.oldenbourg-verlag.de/

Journals mit Open Peer Review Verfahren:

Atmospheric Chemistry and Physics (gegründet 2001)
Kunstgeschichte (gegründet 2011)

Zur Autorin

Dr. Julia Schreiner ist Senior Editor im Bereich „history“ bei De Gruyter Oldenbourg. Sie hat in München und Berlin Geschichte und Psychologie studiert und mit einer Arbeit über „Suizid, Melancholie und Hypochondrie in deutschsprachigen Texten des späten 18. Jahrhunderts“ promoviert. Zu ihrem Beitrag in „historyblogosphere“ finden sich 34 Kommentare.


[1] Dieser Beitrag ist Dir lieber Peter gewidmet! Wir vermissen Dich.

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