Das Fachlektorat – Versuch eines Berufsportraits

Die meisten Menschen sind der festen und vor allem unumstößlichen Überzeugung, Lektorinnen arbeiten ausschließlich an ihrem Schreibtisch, redigieren Texte, lesen Korrektur und sind in damit erster Linie Expertinnen für Sprache und Grammatik. Das mag in vielen Bereichen (z.B. Belletristik, Kinder- und Jugendbuch) noch halbwegs zutreffen – wobei ich sicher bin, auch damit den Kolleginnen nur zum Teil gerecht zu werden. Im heutigen Blog-Beitrag möchte ich deshalb die Tätigkeit einer (freiberuflichen) Fachlektorin etwas näher beleuchten und mich an einem Berufsportrait in all seiner Vielfalt versuchen.

Beteiligte-TagcloudAlle Fachpublikationen – ganz egal ob print/analog oder digital/online – bewegen sich stets im dreidimensionalen Spannungsfeld von

  • AutorInnen,
  • Verlagen,
  • LeserInnen.

Diese drei Beteiligten haben naturgemäß ja unterschiedliche Perspektiven auf einen Text oder ein Produkt und somit auch gänzlich unterschiedliche Interessenlagen. Und exakt an diesem Schnittpunkt steht und agiert die Fachlektorin.

Autor-TagcloudAusgangspunkt einer Publikation kann z.B. das professionelle Interesse des Autors/der Autorin sein, mit einem Text im fachlichen Diskurs sichtbar zu werden oder sich mit einem Fachbuch zum eigenen Spezialgebiet auf dem freien Markt besser zu positionieren. Er wendet sich mit einem Thema oder einer Publikationsidee an mich, die u.U. auch noch sehr vage sein kann. Gemeinsam überlegen wir, ob und wie sich dieses Thema konzeptionell fassen lässt, prüfen eingehend die Marktchancen und erarbeiten daraus ein konkretes Publikationskonzept, das die Bedürfnisse der Zielgruppe und mögliche Publikationsorte und -formate (Verlag oder Selfpublishing, print oder digital, Buch oder Zeitschrift, etc.) bereits im Blick hat.

Verlag-Tagcloud Eine weiterer möglicher Ausgangspunkt sind Überlegungen des Verlags eine bestimmte Fachpublikation zu realisieren. Er steht dabei im Spannungsfeld von Ökonomie und fachlich-programmatischem Profil. Die jeweilige Zielgruppe und spezifische vertriebliche und Marketing- Ausrichtung des eigenen Unternehmens stehen im Fokus, bestimmen die Rahmenbedingungen der Realisierung und bilden die Grundlage für ein erfolgreiches Publikationsprojekt. Ein Titel muss sowohl in das jeweilige fachliche Profil des Hauses passen als auch vom Niveau der Leseransprache (berufliche Fachpraxis oder wissenschaftlicher Diskurs) an der Zielgruppe ausgerichtet sein. Verlage beauftragen Fachlektoren mit Marktanalysen, einer spezifischen Themen- und/oder Autorenrecherche, der konkreten Projektakquise, der Autorenbetreuung und -begleitung im Schreibprozess, der Erstellung von Klappen- oder Vorschautexten, Titelverhandlungen mit dem Autor oder auch mit der redaktionellen Bearbeitung von vorhandenen Texten für neue Publikationszusammenhänge. Letzteres beinhaltet auch die Aufbereitung von Printtexten für digitale Zusammenhänge, z.B. Fachdatenbanken, Zeitschriftenbeiträge, etc. Bei fest angestellten Fachlektoren ist darüber hinaus häufig das verlagsinterne Projektmanagement ein weiterer Teil des Aufgabenspektrums.

Leser-TagcloudPotenzielle Leser von Fachpublikationen haben einen dritten Blick auf Publikationen. Sie möchten nicht unterhalten werden, sondern in ihren jeweiligen beruflichen und fachlichen Zusammenhängen möglichst genau, zielgerichtet und angemessen informiert werden. Sie müssen Inhalte schnell und zielgerichtet auffinden und diese unmittelbar, zeitnah und ihrem individuellen Bedürfnis gemäß beziehen. Die Texte müssten somit konzeptionell für genau diese Bedürfnisse aufbereitet und auch entsprechend klassifiziert sein. Für Wissenschaftspublikationen gelten hier völlig andere Maßstäbe als für Lehr- und Lernmaterialien oder für Produkte die sich lösungs-, handlungs- und umsetzungsorientiert an die berufliche Fachpraxis wenden. Auch der jeweilige Fachbereich und die Vorkenntnisse des Lesers spielen eine entscheidende Rolle für den sprachlichen Duktus und das fachliche Niveau des Textes. Arbeitsbereiche für Fachlektoren sind die redaktionelle Bearbeitung von Texten im Hinblick auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Zielgruppe, die Didaktisierung von Texten und die Erarbeitung und Klassifizierung von verschiedenen Textsorten und unterstützenden Materialien. Auch die Eruierung von Marktlücken im Rahmen eigener Recherchen und die anschließende Initiierung von entsprechenden Publikationsprojekten zählt zu den Aufgaben einer Fachlektorin, da sie “ihre” jeweiligen Leserinnen und Leser gut kennt.

SSP-TagcloudAls Fachlektorin bin ich ExpertIn dafür, all diese unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen miteinander in Einklang zu bringen. Ich identifiziere interessante und innovative Themen und Inhalte, recherchiere und identifiziere geeignete AutorInnen und erarbeite das jeweils geeignete Publikationsformat und den Publikationsort für die jeweiligen Inhalte. Dies ist im übrigen völlig unabhängig davon, ob ich fest angestellt oder freiberuflich tätig bin.

Die Fachlektorin ist somit Dolmetscherin und Kulturvermittlerin, Übersetzerin und Überzeugungstäterin, Hebamme und Geburtshelferin, Motivatorin und Schreibcoach u.v.m. Textarbeit ist dabei zweifelsohne wichtig, aber keinesfalls zentral.

Die Entwicklung erfolgreicher neuer Publikationsprojekte ist ohne eine enge persönliche Kooperation mit AutorInnen und/oder HerausgeberInnen kaum vorstellbar. Eine enge persönliche Anbindung und Verankerung in der jeweiligen Fachdisziplin ist dabei nicht nur dienlich sondern nahezu erforderlich. Als Mittlerin zwischen Verlagen und der Fachdisziplin ist die Fachlektorin allen Beteiligten gleichermaßen verpflichtet und agiert als Wandlerin und Mittlerin zwischen den Welten.

Nein, bitte verstehen Sie mich nicht falsch: ich maße mir keinesfalls an, mich als Wissenschaftlerin oder Expertin für alle Fachthemen, die ich bearbeite, zu bezeichnen oder diesen auch nur annähernd das Wasser reichen zu können! Als Publikationsprofessional im Bereich Wissenschafts- und Fachpublikationen agiere ich vielmehr als fachlich-konzeptionelle Sparringpartnerin auf Augenhöhe meiner FachautorInnen. Es ist meine Aufgabe

  • Autoren und Herausgeber konzeptionell zu beraten und zu begleitet,
  • aus Inhalten, Themen oder Ideen verkaufsfähige Produkte zu entwickelt,
  • Buchreihen und Zeitschriftenprojekte zu initiieren, anzuregen und zu realisieren,
  • wissenschaftliche Texte und Fachtexte zu bearbeiten,
  • Klappentexte zu verfassen und Bücher zu betiteln,
  • den Nachwuchs bei den ersten Schritten zur eigenen Publikation zu unterstützen,
  • Herausgebergremien von Zeitschriften und Buchreihen zu begleiten und deren Arbeitssitzungen zu moderieren,
  • die Publikationslandschaft zu beobachten und mitzuentwickeln und
  • Bücher und Zeitschriftenausgaben mitverantwortlich zu gestalten.

Da es sich dabei immer auch um die Auseinandersetzung und Aufbereitung von fachlichen Inhalten handelt, wird die Lektorin über die Jahre zur Expertin in ihrem jeweiligen Bereich und oft zu einem Teil des Fachgebiets oder Wissenschaftsbetriebes, dessen Alltag, Themen, Probleme und Interessenlagen stets auch die Gespräche mit AutorInnen bestimmen.

Im Rahmen einer Mentoring-Veranstaltung, die ich mit organisierte, wurde ich vor Kurzem gefragt, welche Voraussetzungen und Kompetenzen eine Fachlektorin denn benötigt, um erfolgreich zu sein. Auf der Basis meiner fast 20-jährigen Erfahrung im Fachlektorat lautet meine persönliche Antwort darauf:

  • Kommunikationsstärke, Fingerspitzengefühl und Geschick in der Gesprächsführung
    – vor allem: Zuhören können!
  • Interesse und Begeisterungsfähigkeit für Themen und Inhalte
  • sichere Beherrschung der erforderlichen technischen Hilfsmittel in Sachen elektronischer Textbearbeitung und Kooperation über räumliche Distanzen hinweg (mobiles Arbeiten)
  • Bereitschaft zu dienstlichen Reisen (Messen, Fachkongresse, Autorenbesuche, Gremienarbeit) und zur stetigen eigenen fachlichen Weiterbildung
  • Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit in der Verfolgung von Projekten
  • ein gutes Netzwerk und Zugang zum jeweiligen thematischen Fachbereich
  • Spürsinn für innovative Themen und Autorenpotenziale
  • die Fähigkeit, andere zu motivieren und zu überzeugen
  • Verhandlungsgeschick, Konfliktfähigkeit und Stressresistenz
  • Offenheit für und Interesse an anderen Menschen und deren Problemlagen
  • Toleranz und Verständnis für andere Perspektiven und Meinungen
  • Respekt und Wertschätzung für die Leistungen und das Engagement des Gegenübers
  • und: Geduld, Geduld, Geduld ….

Übrigens: Fundierte Kenntnisse der deutschen Sprache und die sichere Beherrschung von Orthographie und Interpunktion schaden auch im Fachlektorat nicht!

 

3 Gedanken zu „Das Fachlektorat – Versuch eines Berufsportraits

  1. Pingback: Themenscouting im Fachbuch | SSP Aktuell

  2. Das Fachlektorat freiberuflich zu meistern, finde ich eine große Herausforderung und finde es toll, dass Sie das zu schaffen scheinen.
    Eine Betreuung von Autoren über das übliche Lektorat hinaus – einen Text zum Glänzen bringen – finde ich eine spannende Sache!
    Damals als ehemalige Lektorin/Programmleiterin in einem wissenschaftlichen Verlag kam die Betreuung der Autoren während der Erstellung des Manuskripts leider zu kurz …

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