Digital Visibility

Digital Visibility als Grundlage für erfolgreiches wissenschaftliches Publizieren Oder: Wozu braucht die Wissenschaft die Institution Verlag?

Die Digital Visibility (digitale Sichtbarkeit/Auffindbarkeit) ist der Fachbegriff dafür, wie einfach und schnell ein elektronischer wissenschaftlicher Text bzw. ein Fachverlag mit der Gesamtheit seiner digitalen Publikationen in disziplinspezifischen Fachdatenbanken und Bibliographien sowie in allgemeinen Bibliothekskatalogen und Literaturverwaltungsprogrammen – den Schnittstellen zwischen Verlag/Autor und wissenschaftlichem Leser – auffindbar ist.

DigitalVisibilityDas wesentliche Kriterium für die Digital Visibility ist also die Recherchierbarkeit elektronischer Texte. Um diese zu gewährleisten, müssen die wissenschaftlichen Publikationen (bzw. auch deren Bestandteile, z.B. einzelne Kapitel) bereits im Produktionsprozess mit bestimmten, an technologischen Standards ausgerichteten, Informationen ausgestattet werden. In weiterer Folge müssen die Produkte und die hinterlegten Informationen in die bereits genannten Schnittstellen eingepflegt werden, wobei der Fokus auf den für die jeweilige Disziplin relevanten Rechercheplattformen liegt.

Die dadurch generierte Sichtbarkeit ist der Schlüssel zum Erfolg elektronischen wissenschaftlichen Publizierens und eine wesentliche Kernkompetenz von Fachverlagen. Ein großer Teil der Verlagsleistung besteht nämlich darin, eine Publikation überhaupt erst recherchierbar (und damit im zweiten Schritt auch käuflich erwerbbar) zu machen. Dass ein wissenschaftlicher Verlag neben den grundlegenden wissenschaftlichen Qualitätsmerkmalen auch für die Digital Visibility und in weiterer Folge für den erfolgreichen Vertrieb der Produkte sorgt, ist seine spezifische Eigenleistung, mit der er sich von Konkurrenzmodellen wie Selfpublishing abheben kann.

Die Digital Visibility kann insofern zum ökonomischen Erfolg und zur Reputation eines Verlages beitragen, als dass mit der Sichtbarkeit der Titel auch die Verkaufszahlen und die Bekanntheit der Verlagsmarke gesteigert werden.

Mit welchen Tools kann Digital Visibility generiert werden?

Das grundlegende Instrument zur Optimierung der Digital Visibility ist die konsequente Pflege der Metadaten, also der elektronischen Bibliographie (z.B. Autor, Titel, Jahr) von Publikationen. Die Metadaten sind im Text selbst sichtbar und werden außerdem in der PDF-Datei hinterlegt. Um die Recherchierbarkeit zu gewährleisten, müssen die Metadaten eines Textes (auch von einzelnen Beiträgen einer Zeitschrift oder eines Sammelbandes) auffindbar und kostenlos abrufbar sein. Schlagworte sollten – auch bei deutschsprachigen Publikationen – ebenfalls als Keywords in der Wissenschaftssprache Englisch eingepflegt werden, um auch die International Visibility herzustellen.

Teil der Metadaten ist zunehmend auch die DOI (Digital Object Identifier), das digitale Pendant zur ISBN. Die DOI wird vom Verlag festgelegt und besteht ausgehend von einer festgelegten Systematik z.B. aus einem Verlagsschlüssel, einem Kürzel für eine Reihe/Zeitschrift, dem Jahrgang und der Nummer für den Beitrag. Es besteht die Möglichkeit, dass sich die DOI aufgrund ihrer Eindeutigkeit in Zukunft immer mehr gegen die klassische Zitierweise von elektronischen Texten (URL und Zugriffsdatum) durchsetzen wird, weil sie fest mit dem elektronischen Text und seinen Metadaten verbunden und deshalb vom konkreten Speicherort der Datei unabhängig ist.

Eine weitere Möglichkeit, die Digital Visibility zu stärken, ist die Verwendung von Querverweisen zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Texten mittels CrossRef, einem Gemeinschaftsprojekt internationaler Wissenschaftsverlage. Dieses Tool ermöglicht die direkte Verlinkung auf eine andere digitale Publikation, indem innerhalb des Textes blaue Pfeile – abhängig von den Zugriffsrechten – entweder auf die Bibliographie des anderen Textes oder direkt auf den Volltext verweisen. Dies ist besonders relevant, weil sich die Arbeit mit digitalen Texten grundsätzlich von der Arbeit mit gedruckten Texten unterscheidet und die Vorteile, die sich aus den medialen Unterschieden ergeben, auf diese Weise optimal genutzt werden können. Durch die Verlinkung eines Textes mittels CrossRef wird seine Digital Visibility gestärkt.

Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz dieser Instrumente und die Verbesserung der Digital Visibility bzw. Recherchierbarkeit ist eine einheitliche Zitierweise (z.B. APA) und Standardisierung der Metadaten über alle Disziplinen hinweg. Dies erleichtert die einheitliche Integration in (internationale) Rechercheplattformen und ermöglicht den automatisierten Einsatz der genannten Tools, welche z.B. keine disziplinspezifischen Abkürzungen erkennen.

Inwiefern stellt die Digital Visibility ein Argument für potenzielle Autoren dar?

Die Generierung der Digital Visibility als Verlagsleistung ist ein grundlegendes Argument für Autoren, ihre wissenschaftlichen Texte in einem Fachverlag zu publizieren – im Unterschied z.B. zu Selfpublishing. Die Digital Visibility ist also auch eine mögliche Antwort auf die grundsätzliche und häufig gestellte Frage: Wozu braucht die Wissenschaft die Institution Verlag?

Autorin

Maria Höck ist gelernte Buchhändlerin und studierte Buchwissenschaft an der LMU München. Während des Studiums arbeitete sie als Werkstudentin bei der LG Buch, einer Genossenschaft für inhabergeführte Buchhandlungen, sowie im Bilderbuch- und Pappbilderbuchlektorat bei arsEdition. Derzeit absolviert sie ihren Master in Digital Publishing an der Oxford Brookes University in England.
Kontakt: maria.hoeck@gmail.com

Dieser Beitrag entstand im SS 2015 im Rahmen des Blockseminars “Spezialbuchmärkte: Der Wissenschaftsverlag” am Institut für Buchwissenschaften der LMU München unter Leitung von Christiane Engel-Haas. (Quellen: Literatur und Material zum Blockseminar, insbesondere Präsentation III-Spezialthemen).

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