Arbeitspsychologie im Lektorat

Arbeitspsychologische Erkenntnisse sind wichtig für die beruflichen Praxis – vorrangig natürlich für Führungskräfte mit Personalverantwortung. Derzeit habe ich eine wissenschaftliches Werk aus diesem Bereich auf dem Tisch. Während sich die KollegInnen aus den Publikumsverlagen nicht nur, aber vorrangig mit den sprachlichen Aspekten eines Textes beschäftigen, empfinde ich es immer wieder als Privileg, mich als Fachlektorin vorrangig mit Inhalten auseinandersetzen zu dürfen. Das kommt meinem neugierigen und aufgeschlossenen Naturell sehr zu gute! Immer wieder gibt es neue Themen und Aspekte, die mein Interesse wecken und stetig meinen Horizont erweitern. O.k., ich gebe zu, manchmal geht es dabei auch ziemlich trocken und sehr theoretisch zu, im Großen und Ganzen jedoch kann ich (fast) jedem Text etwas abgewinnen.

Tabellen

Und jetzt ist es gerade die Arbeitspsychologie: 475 Normseiten mit 40 Abbildungen und 31 zum Großteil sehr komplexen Tabellen, die formal nach APA-Standard aufbereitet werden wollen – puh! Wie gut, dass es in dem Text vorrangig um das Thema Arbeitsmotivation geht. Für uns Freiberuflerinnen quasi tägliches Brot.

Während ich die abschließende Überprüfung von Seitenumbruch, Hierarchie und Nummerierung der Überschriften und die Formatierung vornehme, bleibe ich immer wieder an Textstellen hängen, die mich inhaltlich faszinieren.

Ein Abschnitt behandelt die Big Five der PersönlichkeitsstrukturKommentare. Diese fünf Faktoren, kennzeichnen die Persönlichkeit sowohl in Bezug auf den zwischenmenschlichen Bereich als auch auf den Einstellungs-, Erlebens- und Motivationsbereich. Das hatte ich tatsächlich schon einmal gelesen in einem der zahlreichen Bücher zu Management und Personalführung, die ich in den letzten Monaten im Auftrag eines Verlagskunden für ein Datenbankprojekt redaktionell aufgearbeitet habe. In den fünf Kategorien

  • Neurotizismus (emotionale Stabilität)
  • Extraversion (individuelle Aktivität und das zwischenmenschliche Verhalten)
  • Offenheit für Erfahrungen (Interesse an und das Ausmaß der Beschäftigung mit neuen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken)
  • Verträglichkeit (interpersonelles Verhalten) und
  • Gewissenhaftigkeit

lassen sich je nach hoher oder niedriger Ausprägung der jeweiligen Werte unterschiedliche Persönlichkeitstypen klassifizieren. Während ich mich weiter durch den Text arbeite, überlege ich, wo ich die eine oder andere Person in meinem Umfeld innerhalb dieser Kategorien einzuordnen habe …. 🙂

An anderer Stelle wird der Zusammenhang von Intelligenz, Kreativität und Arbeitszufriedenheit hergeleitet. Gerade für uns Lektorinnen ist das möglicherweise eine wichtige Erkenntnis und entschädigt zumindest teilweise für das im Vergleich zu anderen akademischen Berufen vergleichsweise niedrige Gehaltsniveau der Branche. 🙂

Und natürlich nicht zu vergessen: ein Kapitel zum Thema Stress. Ich lese, dass im Mittelalter darunter die “äußere Not und auferlegte Mühsal” verstanden wurde – STRESS IM MITTELALTER? Man lernt tatsächlich nie aus 🙂

Stress – was war das nochmal? Ich denke zurück an letzten Donnerstag, als der Rechner mal wieder sein Eigenleben entwickelte, mir ständig die bereits mühsam aufbereiteten Tabellen “zerschoss”, Nummerierungen nach Belieben veränderte und nichts so klappte, wie es sollte, während der verbindlich vereinbarte Fertigstellungstermin für den Text erbarmungslos näher rückte und die Wochenendplanung deutlich ins Wanken geriet …

Doch heute Abend ist das Bürokatzelängst vergessen. Es ist fast 23 Uhr – ja, ich bin bekennende Nachtarbeiterin! Den Kampf mit dem störrischen Rechner konnte ich eindeutig für mich entscheiden: die Manuskriptbearbeitung ist – einen Tag früher als geplant – abgeschlossen und die Datei bereits auf dem Weg zur Autorin. Neben mir dampft ein heißer Kräutertee, im Hintergrund erklingt leise Daniel Barenboim mit Chopins Nocturne No. 2, während die Katze mir ganz entspannt beim Schreiben zuschaut.

Im Stillen komme ich zu dem Schluss, dass das Thema Arbeitszufriedenheit in meinem Berufsalltag sehr hoch angesiedelt ist: Interesse, Kreativität, Intelligenz, immer wieder neue, anspruchsvolle, innovative Themen und Menschen, die mich auch persönlich faszinieren … auch nach fast 20 Jahren im Verlagsgeschäft kann ich mich für meine Publikationsprojekte begeistern, bin offen für immer wieder neue (auch technische) Herausforderungen und nehme aus jedem abgeschlossenen Projekt ein befriedigendes Gefühl mit in mein Leben. Ich bin jetzt schon gespannt auf die Inhalte, Themen und Menschen, die mich mit dem nächsten Projekt erwarten.

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